Gotha ist seit dem 17. Jahrhundert eine der bedeutendsten Musikstädte Thüringens. Dank der reichhaltigen Quellenlage sind wir über die Musikpflege am Hof der Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg relativ gut unterrichtet, aber nur wenige archivalische Dokumente ermöglichen uns Einblicke in das bürgerliche Musikleben der Residenzstadt.

gotha schloss friedenstein

Auch von den musikalischen Ereignissen in den umliegenden Ortschaften wissen wir so gut wie nichts. Eine 185 Seiten umfassende neue Publikation mit dem Titel „Gothaer Zeitungsanzeigen als musikhistorische Quelle“ aus der Feder von Prof. Dr. Christian Ahrens bietet nun ausreichend Quellenmaterial dieses Forschungsdesiderat umfassend aufzuarbeiten. So hat Ahrens alle Nachrichten und Anzeigen mit musikalischen Inhalt in den Gothaer Zeitungen von 1751 bis 1853, also über einen Zeitraum von 100 Jahren, lückenlos zusammengetragen.

Die darin enthaltenen Informationen legen Zeugnis ab von einer lebendigen Musikkultur außerhalb der „normalen“ Anlässe wie Taufen, Hochzeiten oder Zusammenkünfte der Handwerkszünfte, bei denen die Stadtmusiker mit Musik aufwarteten. Wir erfahren beispielsweise welche Instrumente in Gotha nachgefragt wurden oder welche Instrumentenmacher in der Stadt und der Umgebung ansässig waren. So konnte etwa Johann Wilhelm Bindernagel, dessen Handwerksbetrieb sich im Laufe der Jahre zu einem Handelshaus entwickelt hatte, bereits im Jahre 1813 alle damals gängigen Instrumente anbieten. Dies und die Tatsache, dass sich 1827 in Gotha ein Noten-Verleih etablierte, dem 1837 ein weiterer folgte, sprechen für eine breite musikalische Betätigung der Bürger.

Des Weiteren belegen Konzertankündigungen, welche geistlichen Werke man in den beiden Stadtkirchen aufführte. Interessant ist dabei, dass weder Johann Sebastian Bach noch die Hofkapellmeister Gottfried Heinrich Stölzel oder Georg Anton Benda vertreten waren. Ferner wird belegt, dass seit 1789 in der Stadt regelmäßige Konzertreihen angeboten wurden. Ebenso fanden spätestens seit 1803 öffentliche Konzerte statt, in denen die Musiker des Hofes und der Stadt mit Dilettanten zusammenwirkten. Seit 1795 veranstalteten außerdem die Gastwirte in Gotha (u.a. im Gasthof „Zum Mohren“) sowie in benachbarten Gemeinden Konzerte, die oftmals in einen Ball mit Tanzmusik übergingen, wobei die Gäste mit Speisen und Getränken versorgt wurden. So lud zum Beispiel der Wirt „Zum goldenen Löwen“ in Tonna im Jahr 1823 zu einem „Concert, Abendessen und Ball“ am 2. Ostertag ein.

Ebenso werden gesellschaftliche, soziale und ökonomische Fragen rund um das Musikgewerbe in und um Gotha näher fassbar. So lässt sich beispielsweise aus einer im November 1799 erschienenen Anzeige des Gothaer Bürgermeisters und des Stadtrats entnehmen, dass der damalige Leiter des Stadtmusikcorps Johann Christian Spangenberg Klage geführt hatte, die Bürger würden bei ihren Lustbarkeiten „andere Musik als die seinige“ gebrauchen. Dabei hatte er, wie auch seine Amtsvorgänger, das alleinige Privileg erhalten, mit seinen Lehrlingen und Gesellen bei derartigen Anlässen aufzuwarten. Unter Androhung einer Geldstrafe ermahnte der Stadtrat die Bürger, „keine andere Musik als die des hiesigen Stadtmusikus Spangenberg zu gebrauchen“. Dieser musste seinerseits versprechen, mit guter Musik gegen billige Entlohnung aufzuwarten und dadurch „die Zufriedenheit seiner Mitbürger zu gewinnen“, was offenkundig zuvor nicht immer der Fall gewesen war.

Die Publikation von Ahrens zeigt eindrucksvoll, wie facettenreich die Gothaer Musikgeschichte im 18. und 19. Jahrhundert war. Die von ihm zusammengetragenen Zeitungsbeiträge vermitteln wie keine bis dato bekannten Quellen derart umfassende Informationen zum Musikleben der Bürger in der Stadt Gotha und den umliegenden Dörfern. Für keine andere thüringische Stadt liegt bisher eine ähnliche Arbeit vor. Um seine Ergebnisse der wissenschaftlichen wie heimatgeschichtlichen Forschung ohne große Hürden zur Verfügung zu stellen, wurde die Publikation zudem in digitaler Form auf der Internet-Plattform „Digitale Bibliothek Thüringens (DTB)“ der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (https://www.db-thueringen.de) für alle Interessenten kostenfrei zugänglich gemacht. Darüber hinaus wird Professor Ahrens im Dezember dieses Jahres seine Ergebnisse zur Musikgeschichte Gothas in einem von der Forschungsstelle Stadtgeschichte Gotha ausgerichteten Historischen Vortragsabend der Öffentlichkeit vorstellen.

Bild: Schloss Friedenstein Foto: Thüringen-Tour